Was mir wichtig ist für mein Kunstschaffen

Wahrnehmung, präzise sensible Wahrnehmung, vor allem Hören – so erkunde ich meine Umwelt. Dies möchte ich weitergeben, meinem Publikum vermitteln. Klänge und Geräusche, ihre Veränderungen, Entwicklungen, Prozesse, ihre Orte und Bewegungen. Darin finde ich oft mein Ausgangsmaterial. Geräusche wie sie Natur, Menschen, Verkehr, Maschinen liefern. Klänge von Stimmen und Instrumenten. Reden, Musiken.

Mich interessieren Berührungen, Ähnlichkeiten, Metamorphosen zwischen Geräuschen und Klängen. So entwickelt sich in meinem KlangWerk BostonBahn aus den Bahngeräuschen eine Art Rhythmus und Melodie. In Aquae Aquarum hebt sich aus den Wassergeräuschen eine Bratschen-Cantilene hervor. Lumina Anima lässt die Empfindung mit den Klängen gestrichener Gläser entschweben. Möglichkeiten, Interpretationen, Veränderungen. Faszinierend, welche Möglichkeiten in den Klängen und Geräuschen enthalten sind, was ich ihnen entlocken, aus ihnen formen kann. Andere Möglichkeiten eröffnen neue Horizonte, bedeuten auch andere Interpretationen und veränderte Gestaltungen. So wird schlichtes Rauschen und Tropfgeräusche in GrauTöne zum Material für ausgedehnte und komplexe akustisch-musikalische Prozesse.

HinHören, Wertschätzen. Wahrnehmung bedeutet genaues Hinhören. Eine Reverenz an Luigi Nonos „Ascolta!“ Hinhören ist die Voraussetzung für Erkennen, für Geltenlassen und Respekt, für Wertschätzung sei es anderer Menschen oder unserer Umwelt. Wahrnehmen und wertschätzen bilden also die Basis für Toleranz und ein Engagement für Umwelt, Arten- und Klimaschutz. Für das thematisch orientierte Konzert Klima-Musiken schrieb ich Still-Leben für zwei Holzbläser und Soundtrack aus Vogelstimmen, ein Experiment, in dem Naturgeräusche, Elektronik und lebendige Musikerinnen zusammenwirken.

Raum: Ein Parameter, der mein musikalisches Schaffen immer begleitet, ist Räumlichkeit. Ich denke und entwerfe meine Kompositionen immer auch als räumliche Gebilde. Klangfarbliche Abstufungen begleite und unterstreiche ich häufig durch räumliche Aufstellungen, Klangrichtungen, Entfernungen. Räumlichkeit ist nicht nur ein Parameter der Klangfarblichkeit. Kompositionen als Skulpturen mit räumlicher Ausdehnung und Entwicklung unterscheiden sich bereits im kompositorischen Entwurf von Kompositionen, die als lineare melodisch-harmonische Abfolge in der Zeit, als „Klangrede“ gedacht sind.

HörLandschaften: Wahrnehmung und unsre empfindende Interpretation schaffen aus unsrer Umgebung erst das, was wir als Landschaft bezeichnen. So definiert der Soziologe und Philosoph Georg Simmel. Wenn ich meine Umgebung hörend erkunde, tue ich im Grunde dasselbe. So durchzieht Landschaft als Anregerin musikalischer Einfälle meine Kompositionen. Beispielsweise schildert La Vallée des Mandailles einen Abend im Massif Central. Saggat ist inspiriert von der Wasseroberfläche eines Sees in Lappland. Siluette Orizzonti zeichnet die Berglinien der Monti Simbruini in Latium nach. Diese Kompositionen habe ich zusammengefasst im Zyklus „HörLandschaften“, einem Konzept, das auch mehrere Kunstsparten zusammenführen kann (Fotos und Landschaftsmalerei, Literatur).

Kooperieren auf Augenhöhe: Mit KünstlerInnen anderer Kunstsparten zu kooperieren, gemeinsame Projekte zu entwickeln, ist eine unschätzbare Bereicherung. Auf Augenhöhe. Was heißt: keine Bebilderung meiner Musik, keine musikalische Untermalung der Kunstwerke anderer KünstlerInnen. In GrauTöne kombinieren Robin Merkisch und ich meine vierkanaligen Computerkompositionen mit seinen abstrakten Bildern, konzipiert für die Galerie der Villa Massimo, Rom. Beide Künste stehen und sprechen für sich. Die beiden Werke wurden unabhängig voneinander geschaffen. Aber eben aus einem vergleichbaren Geist. Ähnlich meine Werke für, besser mit anderen Bildende KünstlerInnen, Tanztheater, Autoren. Die Audio-Video-Installation DesertWaves kombiniert Bettina Schroeders Film von Sandwellen in der marokanischen Wüste mit meiner KlangKomposition aus Wassergeräuschen eines badischen Baches. In einer gestalteten KlangSchachtel fassen wir eine Anzahl meiner KlangWerke mit Aquarellen derselben Künstlerin zu einem eigen-artigen Kunstobjekt zusammen.

Elektronik: Dass die Berührung von Computer und Instrumenten, von menschlichen und technischen Klangerzeugungen, ihre Kombination und Zusammenwirken meine Arbeiten begleitet, ergibt sich aus dem oben Dargestellten, wie aus meiner jahrelangen Tätigkeit als Tonmeisterin klassischer und vor allem auch zeitgenössischer Musik, wie aus meiner Beschäftigung und Produktion der Werke Luigi Nonos. Mein Tonmeister-Studium umfasste auch einige Kenntnisse elektrotechnischer Probleme.

Texte, Wissenschaft: Ich habe mich nie auf eine einzige Möglichkeit beschränken wollen, die Welt um mich herum wahrzunehmen, sie zur Kenntnis zu nehmen und in der Folge, sie zu beschreiben. Meine Staatsexamina als Historikerin und Germanistin kommen mir dabei zu paß. Wissenschaftliches Arbeiten interessiert mich ebenso, wie meine Gedanken und Empfindungen künstlerisch zum Ausdruck zu bringen. Ich schreibe deshalb nicht nur in Tönen, wenn auch die Musik mein eigentliches Ausdrucksmedium ist; ich schreibe auch in Worten. Reisebeschreibungen, Gedichte; theoretische Klärungen meines künstlerischen Tuns, zur Ästhetik meiner und anderer Kompositionen. Und gelegentlich erarbeite ich Historisches. So die Portraits von Christine de Pizan (1365 – 1430), der herausragenden französischen Autorin der Renaissance, und von Margarete von Navarra (1492 – 1549), der Schwester, Autorin, Stellvertreterin des französischen Königs Francois I. Mein nächstes Thema können die Concerti delle Donne di Ferrara Ende des 16. Jhts werden.

Foto: Wolfgang Rein

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